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Fotokritik

 

Timm Starl
Ruinen über Klimt und Schiele

Ausstellung
„Christoph Lingg: Stillgelegt. Industrieruinen im Osten“
Wien: Leopold Museum, 30. November 2007 – 7. Januar 2008

Katalog
Christoph Lingg
Stillgelegt
Industrieruinen im Osten

mit Texten von Susanne Schaber, Richard Swartz und Serhij Zhadan
Wien: edition aufbruch, 2007
23,8 : 30,8 cm, 163 S., je 104 groß- und kleinformatige Abb.
Gebunden von Hand, Metallplatten mit Schraubverschluss, Schuber
€ 55,-

Nein, man verfüge über kein Budget für Ankäufe, versichert der kaufmännische Direktor des Museums, und daher könnten auch keine Fotoarbeiten erworben werden. Aber Christoph Lingg habe in großzügiger Weise einige Exemplare kostenlos dem Haus überlassen. Ja, sicherlich, so der Direktor weiter, es sei ein Anfang und durchaus möglich, dass in Zukunft gelegentlich Fotografie gezeigt werde. Und, ergänzt der Fotograf, er sei froh und glücklich, hier im Leopold Museum das Projekt zeigen zu dürfen. Denn, wirft Erich Lessing, von dem die Empfehlung zur aktuellen Präsentation stammt, ein, es gebe ja noch immer kein Fotomuseum in Österreich, und überhaupt sei die Situation, was das Sammeln von Fotografie angehe, hierzulande katastrophal, obwohl er sich doch seit Jahren bemühe. Nun aber erscheine ein Lichtblick am Horizont, in Linz überlege man ... Erlauben Sie, meint Elisabeth Leopold, dass ich zum Abschluss des Pressegesprächs die Poesie zu Wort kommen lasse und ein Gedicht von Friedrich Rückert vorlese – es würde etwas von dem berühren, was in den ausgestellten Aufnahmen behandelt werde.

 

 Christoph Lingg Christoph Lingg: „Nalaikh, Mongolei, 2006“
© Christoph Lingg

 

Was die Frau des Museumsgründers Rudolf Leopold vorgetragen hat, handelte von Werden und Vergehen, vom Verschwinden dessen, was die Menschen errichten, und vom Vergessen, was sich davor an derselben Stelle befunden hat. Dass Rückert 1818 nach Wien gekommen sei und hier die Bekanntschaft mit orientalischer Sprache und Literatur gemacht hat, passt auf besondere Weise zu einer Ausstellung mit Fotografien von „Industrieruinen im Osten“. Aufgenommen hat sie Christoph Lingg, Jahrgang 1964, der aus dem Bregenzerwald stammt, eine Ausbildung am International Center of Photography in New York absolviert hat, mit Vorliebe seine Themen in Osteuropa findet und seine Werke in dortigen Museen und Galerien präsentiert. Von 2003 bis 2006 reiste er durch 14 Länder und besichtigte etwa 120 ehemalige Industriestätten. 86 Aufnahmen hat er ausgewählt und als Océ LightJet Prints in den Formaten 83 x 101 und 40 x 49 cm zur Schau gestellt. Ergänzend zeigt er Plakate, Bildpostkarten, Geldscheine und andere Stücke mit Industriemotiven, die er im Zuge seiner Recherchen gesammelt hat. Eine Improvisation des Jazzgeigers Andreas Schreiber macht die Begleitmusik zu einem Videofilm, der gut elf Minuten lang in schwarzweißen Sequenzen Eindrücke von den Erkundungsgängen durch die Ruinen liefert.
           Alles passt irgendwie zusammen, wenn die Kombinationen auch auffällig konstruiert wirken. Die grellen Farben der Propagandamaterialien setzen die pointierte Farbgebung in den Fotografien mit einiger Übertreibung fort, die musikalische Untermalung des Films verbreitet eine ebenso dustere Atmosphäre wie die fotografischen Inszenierungen der maroden Architektur, die meist bei bedecktem Himmel in Szene gesetzt ist. Doch die Inszenierung kehrt sich gegen ihre Intentionen. Die agitatorischen Sprüche zu Zeiten des Betriebes der Fabriken angesichts der Wirklichkeit von heute, wie sie mittels Kamera festgehalten wird, sind nicht weniger plakativ und unangemessen als die Behauptungen von damals gegenüber den realen Verhältnissen.
           Während in der Ausstellung dieserart Konfrontationen nicht allzu deutlich hervortreten, sind sie im Katalog nicht zu übersehen. Die Texte sprechen von einer Natur, die „geschunden und geplündert“ (12) worden ist, von geschönten „Zahlen und Statistiken“ (15) und den „schwarzen Dämonen der Industrialisierung“ (152) – aber all diese Erscheinungen werden dem „real existierenden Sozialismus“ (15) von ehedem zugeschrieben. Der „Osten“ im Untertitel der Veranstaltung und der Veröffentlichung ist nicht geografisch, sondern politisch gemeint, er entlarvt sich als Synonym für die Länder, die „hinter den imaginären Grenzen des ehemaligen Eisernen Vorhangs“ gelegen waren, wie es der Pressetext ausdrückt. Es mag nur niemand auf die Idee kommen, dass die „Dämonen“ auch westlich dieser Grenzen auftreten könnten und ähnliche Produkte des Verfalls hervorbrächten. Die Machart des Begleitbandes tut ein übriges: Als Umschlag fungiert eine gerostete, mehrfach versiegelte Metallplatte, als bedürfe der visuelle Eindruck einer greifbaren Unterstützung. Doch auch dieses Kalkül geht nicht auf, weil das Gewicht der Hülle und ihr Unikatcharakter nicht in Einklang mit dem Buchinhalt und seinen leichtgewichtigen Erörterungen sowie den reproduktiven Qualitäten von fotografischen Ansichten stehen.
           Industrieruinen sehen überall gleich aus, und insofern sind die verstaubten antikommunistischen Untertöne, die dem Bildkonvolut unterlegt werden, verzichtbar. Adäquat wäre gewesen, sich mit der Geschichte der Industriefotografie auseinanderzusetzen, die auch die Motive einer verfallenden Architektur kennt, oder sich mit den ästhetischen Implikationen der vorgelegten Aufnahmen zu beschäftigen. Lingg bedient sich eines Gestus der Nüchternheit: Die Areale werden weitläufig ins Bild gesetzt, entsprechend arbeitet der Fotograf bevorzugt mit dem Querformat; der Status der Zerstörung wird mittels Detailschärfe akribisch festgehalten. Außen- und Innenansichten wechseln sich ebenso ab wie Gesamtdarstellungen und Ausschnitte der Gebäude sowie Nahsichten von verrotteten Maschinen. Kommt zufällig ein Radfahrer vorbei oder stehen Pferdekarren auf einem Vorplatz, finden sie Aufnahme in die Szenerie. Nur eine allzu saubere Kladde wirkt seltsam unwirklich auf der schmutzigen und lange nicht mehr benutzten Arbeitsfläche. Was vordergründig den Ansprüchen einer dokumentarischen Aufzeichnung Genüge tut, ist gleichwohl durchsengt von metaphorischen Fingerzeigen, deren häufigster lautet, dass die Natur schließlich und endlich doch zu ihrem Recht kommen wird. Dann wächst Gras auf dem Holzboden einer ehemaligen Werkstatt, überwuchert Gestrüpp die zerfallenden Mauern, vermengen sich Ziegelsplitter mit der Erde.
           Was davon unabhängig die Bilder von Ruinen ansprechend macht, sind die Andeutungen, die sie enthalten. Der Betrachter ist eingeladen, sich als Konstrukteur des Vergangenen und Zukünftigen zu versuchen, also Geschichte zu entwerfen und Geschichten zu erfinden. Er mag ein Bauwerk zu rekonstruieren, indem das ursprüngliche Aussehen eines Abschnitts, einer Fassade oder eines Büroraumes imaginiert wird. Und gleichermaßen lässt sich bei Ansicht der bereits unvollständigen Relikte der weitere Verfall denken. Unweigerlich verführen die Aufnahmen zu solch gedanklichen Exkursionen und bringen damit eine Bewegung ins Spiel, die von jener Bewegtheit entfernt, die im melancholischen Blick befangen bleibt.
           Man muss den Industrieruinen von Christoph Lingg nicht „ungeheure Qualität“ attestieren, wie es Erich Lessing bei dem erwähnten Gespräch getan hat. Es sind handwerklich gut gemachte Fotografien, die sich gestalterisch in den konventionellen Bahnen heutiger Architekturfotografie bewegen. Der Fotograf beobachtet aufmerksam und scheut das Spektakel ausgefallener Perspektiven oder kurioser Fundstücke. Die Bilder vermögen durchaus die Phantasie zu beflügeln, sofern man sich genügend Zeit nimmt und versucht, den Anfängen der Hinterlassenschaften nachzugehen und ihr materielles Ende abzusehen.
           Insofern passen die Fotografien auch gut in ein Museum, das sich in erster Linie auf eine opulente Sammlung von Werken aus den Händen von Gustav Klimt und Egon Schiele stützt. Wechselt man von den Fotografien im ersten Stock zu den Gemälden und Zeichnungen in den hohen Hallen des Parterres, vollzieht einen Sprung über einhundert Jahre und wechselt das Medium, erfährt man, wie sich der Blick neu fokussiert und Perspektiven eröffnen, die das eine wie das andere in je neuem Licht erscheinen lassen. Der Schock des plötzlichen Übergangs lässt eine Naivität aufkommen, die Roland Barthes für entscheidend gehalten hat, um unbefangen Bildern gegenüber zu treten.

 

 Christoph Lingg Christoph Lingg: „Shanghai, China, 2006“
© Christoph Lingg

 

Nehmen Sie zum Beispiel, meinte Elisabeth Leopold gegen Ende ihres Statements und eröffnete einen eigenwilligen Weg von Bild zu Bild und von ehedem zu heute, nehmen Sie zum Beispiel das Gemälde von Schiele, das 1911 in Krumau entstanden ist. Die Häuser sind umgeben von dunklen Gewässern, die Fenster sehen aus wie erstorbene Augen, „Tote Stadt“ hat der Künstler als Titel gewählt. Und müsse es nicht wie eine prophetische Vorwegnahme anmuten, wenn 1968, als sie mit ihrem Mann die Stadt in Südböhmen aufsuchte, um den Vorbildern für die Motive des Malers nachzugehen, die Gebäude großteils verlassen waren und der Verputz von den Wänden bröckelte? Und wie sehr sich alles in der Zwischenzeit wieder verändert habe? Daran habe sie denken müssen, als sie den Aufnahmen der Ruinen von Christoph Lingg zum ersten Mal begegnet sei.

Dezember 2007

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© Timm Starl 2007

PDF - 230kb

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